Mittwoch, 26. Mai 2010

Sitzmöbel

Ich muss ungefähr 16 gewesen sein, als ich am Bushof wartete und, da die Bänke verschmutzt waren, auf der Lehne saß. Ein Busfahrer griff mich auf und drohte mir Hausverbot und Platzverweis an. Ich entgegnete, sollten die Bänke sauber sein, würde ich mich selbstverständlich normal auf die Sitzfläche setzen.
Vor zwei Jahren diskutierte ich mit einem Freund über Vorbildfunktion. Für mich war mittlerweile klar, dass öffentliche Sitzmöbel einzig im vorgesehenen Sinne verwendet werden würden, eine Erkenntnis, die ihm nicht zugänglich war.

Heute wartete ich wieder am Bushof und sah, dass inzwischen an den Bänken Stacheln angebracht worden waren, die dafür sorgen, dass das Sitzen auf der Lehne zu einem zweifelhaften Vergnügen wird.
So sehr ich begrüße, dass dies nicht mehr geschieht, schockiert mich doch, dass ein gesellschaftlicher Konsens offensichtlich nur noch durch Eingriff der Verantwortlichen erzeugt werden kann.
F.A. Hayek beschreibt in "Weg in die Knechtschaft", wie eingeschränkt die wirtschaftliche Freiheit junger Menschen im England der 1940er-Jahre war und wie dieses dafür sorgt, dass sich anderweitig Freiheit erschlossen wird: Durch den Bruch gesellschaftlicher Konventionen. Nun zeigt sich an diesem Beispiel aber, dass auch diese neuen, antisozialen Ausweichsfreiheiten ebenfalls eingeschränkt werden.
Die schrittweise Aufgabe von Freiheiten, gewollt oder erzwungen, angefangen bei der wirtschaftliche, über rechtliche, bis hin zu gedanklicher Freiheit, sollte besorgen: Dieser Dreiklang ist der Auftakt zu einer umfassenden Änderung unserer Gesellschaft: Man ist nicht mehr frei, zu tun, wie beliebt, solange kein anderer berührt wird. Stattdessen wird immer klarer, dass Jedermanns größtes Bestreben ist, dem Mitmenschen durch offensichtliche Abwehrmaßnahmen Grenzen zu setzen.
Letztes Jahr wurde bei Berlin die erste "gated community" Deutschlands eröffnet: Wir stehen vor der Frage, ob wir noch eine Gesellschaft sind, oder uns auf dem Weg in ein post-staatliches Zeitalter befinden, in dem der Einzelne seine Freiheit nicht mehr durch Wahrung der Grenzen des Nächsten gewährt, sondern überhaupt erst durch Schaffung dieser.

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